„Normal“ ist anders.

Und wieder einmal wünsche ich euch allen da draußen einen guten Abend 🙂

Wenn ich mich in meiner Umgebung mal so umsehe, dann treffe ich immer mehr auf Mütter, die mit ihrem Baby im Kinderwagen spazieren gehen und die frische Luft genießen. Väter sehe ich ganz selten während meiner täglichen etwa zwei- stündigen Laufmärsche quer über Wiesen, Felder und Wohngebiete.

Der einzige Mann, über dessen Frischluft- Anwesenheit ich mich täglich amüsiere, scheint mir schon reiferen Alters zu sein; seine Kinder sind sicherlich selbstständige Jungerwachsene und er genießt die Ruhe in seinem Alltag-  wenn da nicht seine Frau wäre 😉 .

Vor ein paar Tagen bin ich abends zum zweiten Mal des Tages mit Lenny spazieren gegangen- er war kaum ruhig zu kriegen und musste dringend (auf welche Weise auch immer) ein wenig Schlaf einholen. Also zog ich die Jokerkarte aus meiner Hosentasche und entschied mich für die noch gut funktionierende Lösung des Kinderwagenbummels.

Als ich also gegen 18.00 Uhr an dem Haus des besagten Mannes vorbei lief, bemerkte ich direkt, dass er draußen auf der Terrasse wild umherwuchtelnd und völlig benebelt die Fritteuse bediente- wobei seine Frau in der schön gewärmten Küche hantierte.

Als ich ihn inmitten der fritteusebedingten Qualmwolke stehen sah und ihm im vorbei gehen dabei zuschaute, wie er versuchte dem Gestank zu entkommen, stellte sich ein breites Grinsen in meinem Gesicht auf- denn ich wusste ganz genau, dass er 1. mit der Fritteuse raus musste damit die Wohnung nicht stinkt und 2.wird seine Frau ihn bei seiner stolzen Rückkehr in das Haus sicher auf dem direkten Wege unter die Dusche schicken- ehe sich der in die Klamotten gezogene Fett-Geruch auf das Sofa überträgt.


Ich freue mich, wenn alles einfach normal abläuft; wenn ich nicht das Gefühl habe, dass bei uns die Zeit stehen geblieben ist, während andere die Möglichkeit haben, den vorbeiziehenden Wolken am Himmel zu zusehen.

Anfangs fühlte ich nicht so.

Lenny schrie und schrie. Die Ferndiagnosen der Drei- Monats- Koliken, des Blähbauchs, der verstopfungsbedingten Bauchschmerzen und der Übermüdungssymptomatik trösteten uns keineswegs mehr.

Es konnte doch schließlich nicht sein, dass er nur dann aufhörte zu kreischen, wenn er die Flasche im Mund hatte.

Am Besten war immer die Aussage, er wäre ein Schreikind.

Wir haben es gehasst, denn das tröstete uns noch weniger- sowohl in unserem Sinne, als auch vor allem in dem unseres Sohnes.

Nach dem Essen schrie er immer mehr als vor dem Essen, wir brauchten zwei Stunden um ihn etwas beruhigen zu können. Sein Bauch war bretthart und klang beim Klopftest vom Sound her, als hätte er eine ganze Bassrolle verschluckt. Die Kümmelzäpfchen waren schnell leer und die Sab-Tropfen dienten nur noch zur Gewissheit, dass man alles versucht hatte um zu helfen.

Die Mikrowelle war in Dauerfunktion darauf getrimmt, Lennys Körnerkissen zu erwärmen und die Fenster unserer Wohnung blieben permanent geschlossen. Es war mir unangenehm und ich fürchtete den negativen Gedanken der Nachbarn.

Als unsere Kinderärztin nach vier Wochen Dauergeschrei endlich unsere Not erkannte, schickte sie uns stationär in die Kinderklinik der Heimat- dort wurde Lennys Nahrung binnen einer Woche umgestellt und von nun an lautete unsere nächste Herausforderung als Ergänzung zu der des Refluxes:

Laktoseunverträglichkeit.

Von diesem Tag an hatten wir sowohl nach hoffungsvoll gescheiterten Besuchen beim Osteopathen, als auch zahlreichen angewandten Wundertricks alt eingesessener Mütter, eine neue Perspektive.


Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, wie sich das Sozialverhalten von Eltern eines – wie ich immer so schön zu sagen pflege- temperamentvollen Babys verändert.

Begleitet von der Sorge um das eigene Fleisch und Blut, gekoppelt mit den mütterlichen Schuldgefühlen, die sich um die kontinuierliche Reflektion des eigenen Verhaltens in der Schwangerschaft bis hin zur Geburt  drehen, trägt man also sein schreiendes Würmchen auf dem Arm und kann nichts tun.

Natürlich hat man in der Schwangerschaft alles erdenklich positive gemacht, um die Entwicklung des Bauchbewohners nicht zu bremsen, geschweigedenn ihr zu schaden.

Natürlich macht man sich Sorgen, denn niemand sieht sein Kleines gern um sein Leben schreien.

Und natürlich hat man dennoch Schuldgefühle- ohne zu wissen weshalb und warum.

 

Dazu kommt die beginnende Desozialisierung.

Der Rückzug aus der Teilhabe am öffentlichen Leben und die Entfremdung mit der Welt. Vom Erdboden verschluckt und zurückgezogen startet völlig automatisch ein Dasein hinter verschlossenen Fenstern und blickdichten Mauern- entgegen der Vorstellung dessen, wie man sich a) das Leben für seinen Sprössling vorgestellt hat und b) das Lebens seines selbst.

Das Vertrauen auf Besserung innerhalb unbestimmter Zeit musste uns leiten einen Weg zurück in das Leben außerhalb der vier Wände zu finden- ein Alltag in der Öffentlichkeit trotz häufig weinendem Baby sollte wieder angegangen werden und die Reise in die genussvolle Zeit des Elternseins eines starken Kämpfers galt es planlos anzutreten.


Das Schöne an der Sache ist, dass wir uns als eigene kleine Familie dabei nicht verloren haben.

Es ist hart und es ist definitiv die größte Herausforderung für zwei Individuen- besonders aber für ein kleines drittes- für das es wichtig ist, wenn sowohl Mama als auch Papa stetig an seiner Seite sind.

Wie wir die schlimme, nervenzerreißende und wohl bisher erschöpfendste und zugleich dennoch schönste Zeit unseres Lebens langsam überwinden, kann uns niemand ratschlagend sagen.

Tipps und Tricks gibt es in einer solchen Situation nicht, denn die einzigen Hilfsmittel sind Zusammenhalt, Liebe, Verständnis und Empathie (besonders für das unschuldige Baby).

 

In diesem Sinne wieder einmal:

Es muss nicht immer Milch sein, gute Nacht und  (durch den morgigen Rückbildungskurstag begründet) bis übermorgen!  😉

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