Stolz und Vorurteil.

Guten Abend meine lieben Leser, Freunde, Mamas und Papas und auch sonst alle, die meine Zeilen verfolgen 🙂

Aufgrund dessen, dass ich heute meine Teilnahme am mir sehr Freude bereitenden Rückbildungskurs absagen musste, habe ich nun die Gelegenheit, einen neuen Beitrag zu veröffentlichen.


Die Einführung der Beikost ist ja auch so eine Sache für sich. Während die einen Mamas und Papas kaum erwarten können, ihren Babys das erste Mal „feste“ Nahrung zu geben, graut es mir – neben der ebenfalls empfindenden Aufregung und Freude- vor der anschließenden Verarbeitung des Essens durch den Bauch unseres Sohnes.

„Koliken“ , „Bauchschmerzen“ , „Luft im Bauch“, sind tolle Diagnosen, die man einem temperamentvollen Baby gern zu Gute schreibt.

Von umringenden Menschen hört man stetig, dass alle Babys Bauchweh haben und sich irgendwann an den Verdauungsmechanismus gewöhnen. „Bauchschmerzen? Im Ernst? Es gibt echt Schlimmeres! Wenn ich sowas höre, dann frage ich mich, was die Eltern sagen sollen, dessen Kinder ernsthaft krank oder sogar behindert sind.“ , sind Aussagen all derer, dessen Kinder die üblichen und normalen Schmerzen durchleben.

Sie haben nur des Bauches wegen keinen Krankenhausaufenthalt hinter sich, müssen keine laktosefreie Kost- die die Einführung der Beikost im übrigen in seinem gesamten Verlauf bis hin zum Flaschenersatz zusätzlich erschwert- geben und vor allem sind sie nicht auf tägliche Kümmelzäpfchen, Pups- Globulis, Bäuchlein-Öl- Massagen und Sab-Tropfen angewiesen.

Mal ganz abgesehen davon ist es absolut nicht „Unerwachsen“ oder „Rumgejammere“, wenn man durch das permanente Schreien seines Kindes- und zwar eben genau aufgrund dieser von vielen so verharmlosten Bauchschmerzen- darauf aufmerksam gemacht wird, wie schlecht es ihm geht und wie hilflos er ist.

Ja, unser Sohn ist sehr temperamentvoll.

Sein Bauch ist eine Sperrzone, nicht nur für mich, sondern auch für die Ärzte- dessen Sorge um seinen ständigen Kampf mit der geblähten und aufstoßenden Kugel der unserer gleicht.

Die Laktoseunverträglichkeit haben wir also in der Tasche- ebenso wie den total (im wahrsten Sinne des Wortes) überflüssigen ausgeprägten Reflux, dessen Präsenz mehrmals täglich dafür sorgt, dass unser Sohn etwa alle zwei Stunden neue Klamotten trägt- im Gegensatz zu unserer Wenigkeit, denn die Anziehsachen werden angelassen und für weitere Spuckattaken bereit gehalten. Das unterstützt ohnehin nur den neu an uns tragenden (im übrigen auch teuren (!)) Duft von Lenny´s Retouré  😉 .

Beikoststart.

Hallo, nun sind wir an der Reihe.

Mag bedeuten, dass einfach darauf hingearbeitet wird, ein bis zwei Fläschen pro Tag gegen feste Breimalzeit zu ersetzen und das Baby mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen ; es daran zu gewöhnen, irgendwann nicht mehr die Milch als reine Nährquelle zu nutzen, sondern Currywurst, Pommes, Majo im späteren Erwachsenenalter verträglich zu machen.

Klingt doch einfach, dachte ich mir.

Den Reflux unseres Sohnes können wir durch die schwere Kost- im Gegensatz zur angedickten Milch-  überlisten, die Verdauung durch Birne oder Pastinake anregen und der positive Nebeneffekt des guten Geschmacks und Satt-Werdens müssten ebenfalls auf unserer Seite sein.

Kann los gehen.

Als wir dann tätsächlich unser planvolles Vorhaben in die Tat umsetzten, vergaßen wir wieder einmal vorher die Rechnung mit unserem sensiblen Lenny zu machen.

Der Kürbis setzte seine persönliche Schmerzskala im Verdauungsprozess um noch einmal 10 Punkte höher, die nun (durch weniger Milchmalzeiten) notwendige Flüssigkeitszufuhr durch Tee oder stark verdünnte Säfte für Babys nach dem 4. Lebensmonat sprengte die Leistungsfähigkeit seines Refluxes und die Sehnsucht nach seiner überalles geliebten Flasche war kaum – bedingt durch die Füllbarkeitsgrenze eines Babymagens- aufzuholen.

Dazu muss ich sagen, dass wir noch nicht einmal bei dem vollständigen Ersatz auch nur einer kompletten Flasche angekommen sind, denn die Kürbiseinführung (mit der wir nach telefonischer Rücksprache mit einer Ernährungsberaterin aus der Charité in Berlin aufgrund seiner häufigen Verstopfungs- und Bauchschmerzprobleme anfangen sollten) stoppte schmerzbedingt nach vier Tagen, anschließend erfolgte eine zweiwöchige Pause, um nun seit etwa zehn Tagen auf einem guten Weg mit weißer Karotte, Pastinake und Möhre zu sein.

Die Versuche des zusätzlichen Trinkersatzes enden immer ähnlich wie auf einer Fahrt in der Wasserbahn: Je schneller der Antrieb, desto höher die auf einen einprasselnde Wassermenge.

Das ganze auch noch laktosefrei zu gestalten, ist eine zusätzliche Ebene der Qualifikation dazu, eine fast-Ausbildung im Bereich der Kinderernährung mit Schwerpunkt Verdauungsproblematik zu absolvieren.

Meine Bemühungen zahlen sich jedoch dahingehend aus, dass ich Lenny vorhin fertig umgezogen und bereit für das Abendfläschen noch einmal komplett neu pampern musste, denn nach einem Tag wieder durchgehender Bauchschmerzen und endloser Luftansammlungen folgte für ihn die (ungewöhnlich) zweite Erleichterung am heutige Tage:

Die feste Nahrung katapultiert sich endlich wieder zurück an die Luft 😉


Als Mama und Papa eines temperamentvollen Kindes, ist es natürlich für Außenstehende, dessen Situation nicht genau dieser entspricht, schwierig nachzuempfinden, was alles planvoll planlos verläuft.

Man will nicht jammern, bemitleidet werden oder wettstreitig sein mit all denjenigen, dessen Situation einfacher ist.

Ebenso wenig möchte man die Eltern der Anfängerbabys in ihrer Freude über die Leichtigkeit im Umgang mit ihrem Nachwuchs bremsen, geschweigedenn hat man die Absicht Eifersucht oder Neid zu suggerieren.

Dass man sein temperamentvolles Kind genau so stolz liebt, wie andere ihr pflegeleichtes Baby, steht überhaupt nicht zur Diskussion.

Die Aussage ist lediglich eine – und nun komme ich sogleich zum Schluss für heute:

Kranke und/ oder behinderte Kinder sind in ihrem Schicksal selbstverständlich deutlichst schwerer dran, als Babys, die rund um die Uhr schreien.

Dennoch sollte es akzeptiert und angehört werden, wenn man als Mama die Sorge und gleichzeitige Ermüdung hinsichtlich des temperamentvollen Babys äußert, um darauf aufmerksam zu machen, dass eine Medaille auch immer aus zwei Seiten besteht. Jeder, der behauptet, sein personifiziertes Triumphsymbol hätte nur eine, kann sich selbstverständlich glücklich schätzen.

Eifersucht und Unreife sind negative Eigenschaften, die sich durch gieriges Anders-Haben-Wollen und unüberlegte Äußerungen definieren.

Ehrlichkeit und Toleranz hingegen gelten als Tugenden der erwachsenen Gesellschaft.

Man bekommt von so vielen Seiten zu hören, dass der Wettkampf „Wessen Kind schreit mehr“ durch das Outing einer Mama bezüglich des Nicht- mehr- Hören-Könnens, wenn Anfängerbabys Thema sind, völlig überflüssig sei- unabhängig davon diesen Appell absolut nicht senden zu wollen- also wäre es doch auch von Vorteil, die Nachricht einer Mama im Hinblick auf die Erschöpfung ihres dauerhaft schreienden armen Kindes zu akzeptieren und deren  „Zustand“  nicht als herabsässig zu bezeichnen, vor allem aber ihn nicht mit der Situation kranker Kinder zu vergleichen, oder?

Jeder Mensch hat seine individuelle Belastbarkeitsgrenze und als Mama eines temperamentvollen, dennoch wunderbaren und gegen nichts auf der Welt eintauschen wollenden Sohnes, weiß ich, dass solche Aussagen zu der aktuellen Schweigehäufigkeit betroffener Eltern führen.

Meine Grenze ist oft über das Limit hinaus geschossen- denn die Sorge um das Wohl unseres Sohnes bezüglich seines anfangs dauerhaften Geschreis, kombiniert mit unser aller Schlafmangel und nicht zu vergessen durch meine berufliche Erfahrung lässt mich erlernen:

Man ist weder eine Übermutter, geschweigedenn ein „Jammerlappen“.

Man ist   besorgt, begleitet von der Liebe zu seinem weinenden Baby.

Man ist erschöpft, hervorgerufen durch mehrwöchig täglich weniger als zwei Stunden Schlaf.

Man ist verloren, in einer Gesellschaft, die es nicht verkraftet, eine andere Ansichtssache zu erfahren.

 

In diesem Sinne verabschiede ich mich auch heute wieder mit den Worten:

Es muss nicht immer Milch sein, gute Nacht und bis morgen 😉

Ausgewogene Ernährung kommt ja nicht von allein 😉

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