Gut Ding will lange Weile haben…

Hallo meine Lieben,

ungewohnt für mich sitze ich nun im Garten, nutze den hoffentlich etwas längeren Mittagsschlaf unseres Sohnes und freue mich, dass das Wetter sowohl die Bäume und Vögel, als auch die Gemüter der Menschen positiv beeinflusst.

Denn gerade wenn draußen die Sonne lacht und sie die Luft erwärmt, dann scheint es so, als würde sie gleichzeitig die innere Wahrheit eines jeden Einzelnen optimistischer stimmen.

 


Ein neues Baby völlig ungeplant zu einem der unpassendsten Zeitpunkte.

Nicht nur das eindeutig Sichtbare im Ultraschall, sondern auch der zweitätig vorangegangene positive Schwangerschaftstest- dessen Ergebnis mir trotzdem die Hoffnung eines Anwendungs- oder Produktionsfehlers gab- riss uns, besonders mir, den Boden unter Füßen weg.

Chronologisch erzählt war da also erst dieser Test, den ich vor etwa 13 Monaten regelmäßig mit der größten Vorfreude und bei negativem Ergebnis mit der anschließend größten Enttäuschung machte. Ich wusste also noch genau, was ich zu tun hatte; dennoch studierte ich als Frau des Perfektionismusses die Bedienungsanleitung des Schwangerschaftstestes, der ab Fälligkeit der Periode anwendbar ist, bis auf´s kleinste Detail. Schließlich war es mir wichtig, dass dieses teure Ding, was ich vor nicht all zu langer Zeit voller Freude in den Händen hielt, auch haargenau seine Arbeit erledigt.

Mit zitternden Händen und innerlichem Gebetstoß an das Schicksal hoffte ich also, dass mich all die mir bekannt vorkommenden Dinge der letzten Tage inklusive der vier-tägigen- Überfälligkeit nur täuschen; ebenfalls wie ich der Apothekerin, die gerade das Rezept der Sab-Tropfen meines vier-einhalb Monate alten Sohnes in der Hand hielt während sie mir zeitgleich den von mir erbetenen Schwangerschaftstest einscannte, sagte, dass meine Überfälligkeit sicher nur etwas mit meinem Rückbildungskurs zu tun habe, an dem ich seit drei Wochen teilnahm.

Ich war froh, dass ich dort einmal pro Woche etwas für mich tun konnte, denn nach der hinter uns liegenden anfänglichen Zeit mit unserem Sohn, konnte ich endlich mal wieder durchatmen, derweil mein Mann zu Hause unseren Sohn hütete. Ich sah Menschen, ich sprach Menschen und ich lachte mit ihnen.

Auf dem Rückweg von der Apotheke nach Hause ging mir vieles durch den Kopf, während ich Lenny dabei erwischte, wie er doch noch vor dem Mittagessen und dem eigentlich anschließendem Mittagsschlaf ein Nickerchen hielt. Er ist mein ganzer Stolz und ich bin froh, dass wir die anstrengende Zeit als Familie geschafft haben und uns endlich von den Strapazen erholen können.

Streitereien, alltägliches Durcheinander und schlaflose Nächte sollten endlich die ausgleichende Gerechtigkeit erfahren und das Glück kam auf unsere Seite zurück- denn wir mussten dringend starten, uns zu erholen und anzukommen.

Zu Hause angekommen ließ ich Lenny noch etwas im Maxicosi schlafen, ich packte meine Einkäufe aus und hielt wieder den mir völlig in Vergessenheit geratenen Test in der Hand: Ach ja- da war ja noch was.

Deshalb nutzte ich die Zeit, machte den Test und wollte ihn gerade zum Einwirken ablegen, ehe ich sah, was nicht mal einen Bruchteil der Sekunde dauerte:

Noch bevor sich der Kontrollstreifen blau verfärben konnte, bildete sich das im Fenster davor deutlich sichtbare blaue Kreuz:

P O S I T I V.

Wie bereits erwähnt studierte ich die Anleitung noch einmal genaustens und erkannte: es war eindeutig.

Meine zitternden Finger wählten die Telefonnummer meines Mannes Daniel, der sich auf der Arbeit befand und ich sagte: “ Ich habe einen Test gemacht und er ist positiv“, um anschließend in bitterlichstem Tränensee zu versinken.

Wie um alles in der Welt soll ich das alles jetzt schon mit zwei Kindern schaffen?

Wir wollten uns doch zwei Jahre Zeit dazwischen lassen?

Und wie um alles in der Welt konnte das passieren?


Die Nachricht über ein neu heranwachsendes Leben ist womöglich die schönste Botschaft, die es auf der Welt gibt. Vor etwa einem Jahr und drei Monaten durften das auch Daniel und ich erfahren, als der Test nach unzähligen negativen endlich positiv war und unser Wunschbaby Lenny sein Wachstum antrat.

Es war so wunderschön. Für uns das größte Glück und für mich die größte Angst, durch einen dummen Fehler irgendwie seinen Abgang hervorzurufen.

Es ist ein Wunder- denn durch meinen Beruf als Krankenschwester in einer Notaufnahme und für meinen Mann als Notfallsanitäter auf dem RTW war uns deutlichst bewusst, wie viele Schwangerschaften am Ende doch keine mehr sind. Dass ein Baby heranwachsen und entstehen kann, ist ein Wunder der Natur- dessen Streiche leider auch manche Paare unterlegen sind.

Umso glückseeliger ist es, wenn ein neues Leben allein durch die Vereinigung zweier Menschen miteinander und durch den Körper der Frau gedeihen kann. Organe entstehen und funktionieren, Blut wird gebildet und das autonome Herz weiß, was es zu tun hat. Das Gehirn beginnt zu arbeiten und die feinsten Zellen verflechten sich zu einer Einheit.

Erst recht ist es dann schwieriger, wenn man sich dessen so sehr bewusst ist, während in einem ein neues Leben heranzuwachsen vermag, das man nicht geplant hat.

So kacke es sich anhören mag, aber ich wusste nicht, wie es weiter geht. Tagelang weinte ich, fühlte mich verantwortlich und schuldig für unser „Missgeschick“ und dafür, dass ich nun schwanger war.

Mit einem neuen schlagenden Herzen.

Daniel war auf meiner Seite- egal zu welchem Zeitpunkt überließ er mir sein Verständnis für eine Entscheidung, die ich in meinem Leben niemals fällen wollte.

Gab es überhaupt eine Entscheidung oder wurde sie für uns längst gefällt?

Die Tage wurden zur Zerreißprobe; ich weinte viel und wollte nicht hören, dass alle Mitarbeiter des Frauenarztes mir ihre Glückwünsche aussprachen.

Wie um alles in der Welt sollte ich, nach all dem Stress und anfänglichem Start mit Lenny, der noch nicht all zu lange her ist, bald mit zwei Kindern klar kommen, wenn Daniel für 24h auf der Arbeit ist?

Wie um alles in der Welt soll ich jetzt schon wieder eine Schwangerschaft bewältigen, wenn ich doch keine Gelegenheit habe, mich durch die noch des Alters begründete sehr hohe Abhängigkeitsmarke unseres viereinhalb Monate alten Sohnes mal auszuruhen?

Wie um alles in der Welt soll ich überhaupt anfangen mich auf ein neues Baby zu konzentieren, wenn ich mich im Rahmen meiner neuen eigenen kleinen Familie erstmal ausruhen, erholen und ankommen muss?

Ich wusste nicht weiter.

Während ich die Adresse von meiner Gyn bezüglich der Abbruchkrankenhäuser in der Nähe in meiner Hand hielt, fragte ich mich, wieso ausgerechnet ich nun sowas entscheiden muss, obwohl die Tatsache, dass dort ein neues Herz in meinem Bauch schlägt, selbst durch meine Frauenärztin bestätigt als  „eigentlich unmöglich“ , doch auf des Schicksals Wille beruht.

Ein ständiges Hin und Her zwischen den Gedanken des Engels und des Teufels auf meiner Schulter machten mich wahnsinnig.

Ich erinnere mich daran, dass ich Lenny abends zum Bettgehen fertig machte: Waschen, eincremen, Globulis und so weiter. Er lachte, war fröhlich und summte in seiner Brabbelei vor sich hin, während er mit einem Kuscheltier spielte und genoss, dass ich seine Füße einrieb.

Ich sah ihn an wie er lachte- nur, weil diese kleine harmlose Gesamtsituation ihn fröhlich stimmte- begann zu weinen und sagte zu Daniel, der sich nebenan befand: “ Warum sollen wir denn nicht auch einem anderen unschuldigem Baby das Recht und die Möglichkeit geben, zu leben und zu lachen- NUR WEIL WIR ZU FEIGE SIND, es wenigstens zu versuchen.“

Daniel kam zu uns, nahm mich in den Arm, tröstete mich und sagte mir wieder und wieder, dass er jederzeit in unserer Entscheidung hinter mir steht;

dennoch mich dahingehend stützen kann, als dass er sich sicher ist, dass wir auch mit noch einem- ohnehin in zwei Jahren geplantem- Baby gut klarkommen werden.

Meine Angst allerdings richtete sich immer dahin, dass ich befürchtete, wir würden uns dann endgültig verlieren- schließlich wollten wir uns als Familie doch wirklich von allem erholen können-

dennoch wusste ich: Das kleine Wesen ist auf unmögliche Art doch in meiner Gebärmutter gelandet, hat sich dort ein Haus gebaut und ein schlagendes Herz zusammen gebastelt- warum also sollen wir es weg machen?

Viele viele Tage der Unsicherheit füllten sich mit langen Gesprächen zwischen Daniel und mir; immer im Gedanken schwebend zwischen:

Schaffen wir das als Familie, besonders ich als Frau

vs.

Es ist da und es fühlt sich wohl: es will bei uns sein.

 

Ich hasste diese Tage. Jeden Morgen wachte ich auf und sah unseren fröhlichen Sohn.

„Sieh ihn dir an; stell dir vor wir hätten ihn vor etwas mehr als einem Jahr nicht gewollt und weg gemacht!“ , waren zwar Sätze, die ich meinem Mann sagte, aber die weniger ihm galten sondern eher meiner inneren Schizophrenie über die Gewissheit der neuen Schwangerschaft.

Ich wollte nicht Gott spielen. Wollte nicht über Leben oder Tod entscheiden.

Ich wollte dem Schicksal nicht reingrätschen.

Und Daniel und ich wollten kein unschuldiges Leben zerstören, das einen so hartnäckigen Daseinswunsch hat:

Es gehört zu uns und wir hätten uns nie verziehen, in zwei Jahren ein geplantes zu behalten und zu lieben, während wir ein ungeplantes einfach „aus dem Weg geräumt“ hätten.

Wir hätten uns in Zukunft gehasst.

Dafür, dass wir einem Menschlein nicht sein Lachen vergönnt hätten.

Dafür, dass wir Mächte ausgeübt hätten, derer wir nicht beschenkt wurden.


Heute bin ich in der fast 18. Schwangerschaftswoche, ich leide natürlich unter schlaflosen Nächten aufgrund nervöser Beine, meine Rückbildung habe ich in Schwangerschaftsgymnastik umgewandelt und mein Bauch ist längst nicht mehr zu verstecken.

Meine ursprünglichen Pläne beginne ich nach und nach zu ändern, unsere Familien stehen hinter uns und meinen Alltag als Vollzeit- Mama bewältige ich  mit einem meist fröhlichem, dennoch immer noch sehr temperamentvollem, Sohn und konzentriere mich, solange es noch geht, auf meine emotionale, körperliche und familiäre Regeneration im Sinne der uns bald bevorstehenden Situation.

Ja, es wird stressig.

Aber es wird mit einem zweiten Kind immer stressiger, denn das Erste will unabhängig seines Alters ebenfalls in seinen Bedürfnissen befriedigt werden- da spielt der Altersunterschied für die Kinder nun wirklich keine Rolle.

Ja, es wird manchmal schwer. Besonders wenn beide gleichzeitig mal krank sind.

Aber es wird mindestens genau so schön, wenn beide gleichzeit lachen.

Ja, es ist eine Entscheidung für´s Leben.

Aber besser für- als gegen.


Ich wünsche euch einen angenehmen und hoffentlich auch sonnigen Tag und verabschiede mich in die nächsten zwei Tage mit den Worten:

Es muss nicht immer Milch sein, bis ganz bald und tschüssi!

 

 

4 Antworten auf „Gut Ding will lange Weile haben…“

  1. Hallo Mona,
    Ich habe deinen Bericht bei „echte Mamas“ gelesen und wollte dir unbedingt schreiben… super, dass ihr euch für euer Baby entschieden habt! Ihr werdet es schaffen.
    Wir haben bei unsern beiden einen Unterschied von 16 Monaten (geplant) und es klappte vor allem auch im ersten Jahr wirklich gut. Klar, manchmal streiten sie sich, aber sie lieben sich und die beiden so innig zusammen zu sehen ist einfach toll. Viel Freude, liebe und Glück!

  2. Liebe Mona,
    erstmal: Herzlichen Glückwunsch.
    Ich finde es toll dass ihr euch für das kleine Wesen in deinem Bauch entschieden habt auch wenn ich sehr gur verstehen kann dass ihr bzw. du auch andere Gedanken hattet. Ich freue mich schon auf deine weiteren Blogeinträge 🙂

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